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8 Irrtümer im Informatikstudium

Wenn man an einen Informatikstudenten denkt, dann kommt einem direkt das Bild des Nerds mit der dicken Hornbrille, dem hageren Körperbau und dem extravaganten Kleidungsstil in den Sinn. Diese Studentengruppe gibt es zwar auch, doch sie bilden eher die Ausnahme als die Regel. Deshalb möchte ich in diesem Artikel ein wenig mit den Vorurteilen gegenüber Informatikern, Informatikstudenten und dem Informatikstudium im Allgemeinen aufräumen. 

1. Informatiker sind Nerds

Das erste Vorurteil habe ich bereits angesprochen und es ist der Nerd-Status, der Informatikern zugeschrieben wird. Ich hatte kaum Kommilitonen, die diesem Bild entsprechen. Natürlich gibt es sie, doch in freier Wildbahn auf dem Campus findet man sie so gut wie nie. Der überwiegende Teil der Studierendenschaft besteht aus Personen, die in ihren Interessen, ihrem Vorwissen, ihrer Herkunft und ihrer Persönlichkeit unterschiedlicher kaum sein könnten - und das ist sehr gut so. Wenn man sich nämlich immer nur in seiner eigenen Bubble aufhält, dann besteht tatsächlich die Gefahr, irgendwann zu "vernerden". 

Es lässt sich aber nicht bestreiten, dass man als Informatikstudent nach den ersten beiden Semestern eine sehr spezielle Art zu denken beigebracht bekommt. Die daraus resultierende Herangehensweise an Probleme und der Wunsch, alles Mögliche so detailliert wie möglich formal beschrieben zu bekommen, eint den "Nerd" ebenso wie den programmierenden Hobby-Sportler.


2. Jeder kämpft für sich

Man hört oft, dass Informatiker alleine im stillen Kämmerlein vor sich hin programmieren. Auch diese Eigenschaft betrifft eine sehr kleine Minderheit der Studenten. Man bekommt bereits am ersten Tag von den Professoren gesagt, dass man hier Zitat "keine autistischen Einzelkämpfer", sondern "Teamplayer" sucht. Informatik ist ein Teamsport und genauso, wie du in deinem späteren Berufsleben nicht um die Arbeit mit anderen herumkommst, wird auch dein Studium nicht nur aus dir und deinem Computer bestehen. 

Ich persönlich habe die gemeinsame Arbeit mit anderen an größeren Softwareprojekten sehr genossen, doch auch die sehr oft vorhandenen Phasen, in denen man tatsächlich nur alleine mit seinem Computer beschäftigt ist, haben mir gefallen. Das Informatikstudium ist ein guter Mix aus beiden Arbeitsweisen.


3. Das Informatikstudium ist nur etwas für Genies

Nicht selten werden als Vorzeigeinformatiker Conrad ZuseJohn von Neumann oder Linus Torvalds genannt. Diese Personen waren zweifelsohne Genies auf ihrem Gebiet, doch viele leiten daraus fälschlicherweise ab, dass man ein Genie sein muss, um Informatik studieren zu können. Das liegt vor allem auch daran, dass Informatik für viele (ähnlich wie die Mathematik) eine sehr abstrakte Wissenschaft ist. 

Man muss keinen IQ von 130 haben, um erfolgreich im Informatikstudium sein zu können - das gilt übrigens auch für alle anderen Wissenschaften. Der berühmte Physiker und Nobelpreisträger Richard Feynman soll auch einen IQ von "nur" 125 gehabt haben und er war trotzdem sehr erfolgreich in dem, was er getan hat. Und warum? Weil er Spaß an seinem Fach hatte! Und das ist meiner Ansicht nach das Wichtigste. Wer Informatik nur aus der Motivation heraus studiert, später einmal "fett Kohle" zu machen, der wird damit nicht glücklich werden und sollte sich von diesem Gedanken tunlichst wieder verabschieden.


4. Informatik = Mathematik

Mittlerweile hat ein Umdenken bezüglich des Mathematikanteils im Informatikstudium stattgefunden und viele wissen nun, dass Mathematik ein elementarer Bestandteil der Informatik ist. Allerdings ist nun das genau andere Extrem populär, nämlich dass Informatik fast nur aus Mathematik bestehen würde. Das ist so auch nicht richtig. Es stimmt, dass der Matheanteil sehr hoch ist, doch nicht wegen des konkreten Fachwissens, sondern eher wegen der Herangehensweise an Probleme und dem strikten Formalismus. Die Informatik ist eine eigenständige Wissenschaft, die sich mit der systematischen bzw. strukturierten Verarbeitung von Informationen beschäftigt. Mathematik ist hingegen eine Strukturwissenschaft, die der Informatik Werkzeuge an die Hand gibt - genauso, wie auch allen anderen MINT-Fächern.


5. Informatik = Programmieren

Auch das Klischee, Informatik sei doch nichts anderes als Programmieren, könnte falscher kaum sein. Programmieren ist natürlich Teil der Informatik und somit auch des Informatiktstudium, weil die Informatik selbst die systematische Verarbeitung von Informationen mit Computern vornimmt. Doch im Informatikstudium machen die reinen Programmierfächer vielleicht 10% des Studienplans aus - wenn überhaupt. Und nach der ersten Programmiersprache, die man zusammen mit dem Professor erlernt hat, heißt es dann, dass man sich die anderen Sprachen, die nötig sind, selbst beibringen soll. 

Programmieren wird vielmehr als Skill "nebenbei" erworben und dann zur Lösung der eigentlichen Probleme in der Informatik eingesetzt. Wenn ein Unternehmen einen Programmierer sucht und in seine Stellenbeschreibung reinschreibt, dass man dafür Informatik studiert haben muss, würde ich das als Beleidigung empfinden. Informatiker können zwar programmieren, doch ihre Stärken liegen vielmehr im strukturierten Lösen von Problemen mithilfe des Computers und nicht in der Umsetzung einer technischen Spezifikation.


6. Informatik = Ausbildung zum Hacker

Ein weit verbreiteter Irrglaube ist, dass das Informatikstudium zum Hacker ausbildet. Natürlich hat man Fächer wie IT-Sicherheit oder Netzwerktechnik. Doch das Umgehen von Sicherheitslücken steht dort nicht explizit auf dem Lehrplan. Man braucht jedoch ein breit gefächertes Wissen, um bestimmte Angriffstechniken nachvollziehen und selbst durchführen zu können. Die eigentliche Fähigkeit zu hacken erwirbt man eigenständig. Lies dazu auch gerne meinen Artikel zum Thema "Wie wird man eigentlich Hacker?".


7. Im Informatikstudium hat man keine Freizeit

Das Informatikstudium beansprucht zweifelsohne eine Menge Zeit. Doch es ist nicht so, dass man neben dem Studium keine Freizeit mehr hat. Und wenn, dann verbringt sie jemand, der wirklich Spaß an seinem Fach hat, mit Programmieren oder anderen IT-Themen. Das muss nicht auf alle zutreffen, doch es lässt sich beobachten, dass viele Informatikstudenten sich freiwillig in ihrer Freizeit mit diesen Themen beschäftigen.

Rein formell betrachtet, ist für ein Vollzeitstudium pro Semester ein Zeitaufwand von etwa 900 Stunden für alle Fächer zu erbringen. Wenn du das auf eine Woche herunterrechnest, dann kommst du round about auf 40h/Woche, also einer ganz normalen beruflichen Tätigkeit. Ich selbst habe die Erfahrung gemacht, dass diese Stundenanzahl sogar noch viel zu hoch gegriffen ist, denn niemand investiert z. B. ernsthaft 300 Stunden in die Mathematikfächer im ersten Semester. Es gibt Fächer, da benötigt man statt der vorgeschriebenen 150 Stunden gerade einmal 50 (inklusive Anwesenheitszeit). Es bleibt also eine Menge Freizeit übrig. 


8. Nach dem Studium verdient man viel Geld

Man hört oft, dass Informatiker nach ihrem Studium viel Geld verdienen. Doch wie auch in allen anderen Berufen ist die potentielle Verdienstspanne enorm groß. Es kommt auch hier auf den Bereich an, in dem man tätig ist. Während für Spieleentwickler tendenziell eher weniger bezahlt wird, erreichen Experten im IT-Sicherheitsbereich viel leichter Top-Gehälter. 

Wenn man im öffentlichen Dienst beschäftigt ist, dann verdient man im Vergleich zur freien Wirtschaft weniger Geld, doch man genießt dafür die Vorzüge eines öffentlichen Arbeitgebers. Mit einem Bachelor steigt man im öffentlichen Dienst üblicherweise in der Gehaltsstufe E10-E12 ein, während man mit einem Master bereits bei der Stufe E13 beginnt.

Wenn du eine eigene Firma hast oder als Freelancer arbeitest, dann ist nach oben hin keine Grenze gesetzt. Das gilt aber auch für jeden anderen Bereich!

Wichtig ist, dass du Spaß an deinem Fach hast und nicht zu sehr auf die Zahlen fixiert bist. Das alleine macht nicht glücklich. Mit einem abgeschlossenen Informatikstudium hast du jedenfalls eine zukunftssichere Qualifikation erworben, die auch in vielen Jahren noch sehr viel wert sein wird.