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Ein moralischer Kompass für Alexa?

1. Einführung

Künstliche Intelligenz (KI) ist aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken. Egal, ob beim autonomen Fahren, bei der Diagnose von Krebsgeschwüren oder der Zusammenstellung des abendfüllenden Netflix-Programms: die Entscheidungskraft von Algorithmen nimmt mit dem immerzu wachsenden Fortschritt mehr und mehr zu. Natürlich ist der Mensch an vielen Stellen immer noch die letzte Kontrollinstanz, doch Unternehmen wie YouTube werden mittlerweile zu einem Großteil von Algorithmen geführt. Umso wichtiger ist es, dass man nicht nur den technischen Fortschritt bestaunt, sondern sich auch über die ethischen Fragestellungen, die damit einhergehen, Gedanken macht. Ethische Fragen haben oftmals keine eindeutige Antwort. Unterschiedliche Gruppierungen wie Staaten, Gemeinschaften und einzelne Personen nehmen ggf. sehr unterschiedliche Positionen in Bezug auf diese Fragen ein, die bei einer Antwort berücksichtigt werden sollten. 

Wir werden uns im Verlauf dieses Artikel ein Praxisbeispiel ansehen, an dem wir uns überlegen, inwieweit uns digitale Assistenten bei bestimmten Fragestellungen helfen können und dürfen. 


2. Was ist Künstliche Intelligenz?

Allerdings muss zuerst geklärt werden, was man unter künstlicher Intelligenz überhaupt versteht. Nach äußerst bescheidenen Anfängen im 20. Jahrhundert, hat sich KI mittlerweile zu einem Feld mit globalen Auswirkungen entwickelt. Mit diesem Wandel hat sich auch die Definition immer wieder etwas geändert. Eine (nicht ganz ernsthafte) Definition ist, dass KI all das ist, was moderne Computer aktuell noch nicht können. Eine weitaus wissenschaftlichere bzw. seriösere Definition stammt von dem Wirtschaftswissenschaftler Andreas M. Kaplan und Michael Haenlein, die KI als

"[...] die Fähigkeit eines Systems, externe Daten korrekt zu interpretieren, aus diesen Daten zu lernen und diese zu nutzen, um spezifische Ziele und Aufgaben durch flexible Anpassung zu erreichen"

verstehen. Das ist bereits eine sehr treffende Definition. Wichtig sind vor allem die Punkte, dass die externen Daten korrekt interpretiert werden, aus diesen Daten gelernt werden kann und damit spezifische Ziele erreicht werden sollen. Als Methode zur Erreichung dieser Ziele findet eine flexible Anpassung der Herangehensweise statt. Es gibt eine Vielzahl weiterer Definitionen, auf die wir aber in einem anderen Artikel näher eingehen werden. 

Zusätzlich sei noch erwähnt, dass wir von einem "intelligenten Handeln" eines Systems sprechen, wenn

  • das System aus Erfahrungen lernt
  • das System flexibel in Bezug auf geänderte Rahmenbedingungen und Ziele agiert, 
  • die Handlungen des Systems den Umständen und angestrebten Zielen angemessen sind und
  • das System unter Berücksichtungen der sensorischen und rechnerischen Rahmenbedingungen Entscheidungen trifft, die man als angemessen erachten kann.

Jetzt hast du bereits eine grobe Ahnung von dem, was man unter einem KI-System versteht. Wie bereits erwähnt, kann man noch weitere Feinheiten herausarbeiten, doch für eine erste Idee sind diese Punkte völlig ausreichend. 


3. Weiß vielleicht Alexa eine Antwort darauf?

Wenn wir Alexa fragen, ob man bei der Angabe seines Gewichtes auf einer Online-Dating-Plattform lügen soll, dann weiß sie darauf keine Antwort: 

Ich: "Alexa, soll man der Angabe seines Gewichtes auf einer Online-Dating-Plattform lügen?"

Alexa: "Das weiß ich leider nicht."

Umfragen zur Folge geben etwa 6 von 10 Personen ungenaue bzw. falsche Informationen bezüglich ihres Gewichtes auf Online-Dating-Plattformen an. Alexa ist aber keine Person und hat theoretisch Zugriff auf das Wissen des gesamten Internets. Wieso ist es für sie trotzdem so schwierig, diese Frage zu beantworten? Wenn 6 von 10 Personen so handeln (das sind immerhin über 50%), dann könnte Alexa doch sagen, dass man in dieser Frage auch etwas mogeln sollte. Scheinbar stellt diese Frage aber auch Alexa vor ein großes Problem.

Um zu verstehen, warum das so ist, müssen wir uns kurz überlegen, welche Schritte notwendig sind, um von einer Frage über Alexa zu einer Antwort zu gelangen. Wenn Alexa im Heimnetzwerk erfolgreich installiert wurde, reagiert sie auf das Wake-Word "Alexa" und interpretiert das danach Gesagte. Zuerst wird die Stimme über ein im Alexa-Device verbautes Mikrofon aufgenommen. Die Aufnahme wird in ein digitales Signal umgewandelt und mithilfe von Algorithmen lokal dahingehend überprüft, ob das Wake-Word "Alexa" gesagt wurde. Wenn das der Fall ist, wird der gesprochene Text, der nach dem Wake-Word gesagt wurde, an einen leistungsfähigen Rechner in der Cloud auf der Seite von Amazon gesendet. Dort werden dann u. a. Machine-Learning-Algorithmen angewendet, um das Gesagte auf semantischer Ebene zu interpretieren. Dabei ist wichtig, dass Alexa aus dem Kontext die Bedeutung von gleichklingenden Wörtern (sog. Homophone) richtig erkennt. Sie soll also z. B. zwischen "Meer" und "mehr", sowie "Verben" und "werben" kontextsensitiv (richtig) unterscheiden können. 

Bis hierhin ist bereits sehr viel Intelligenz seitens der Entwickler notwendig und es ist alles andere als selbstverständlich, dass diese Technologie so gut funktioniert wie sie aktuell funktioniert. Gehen wir aber davon aus, dass Alexa unsere Frage richtig verstanden hat: was soll sie uns jetzt antworten? Welchen Rat soll sie uns geben? Um diese Frage beantworten zu können, muss Alexa erstmal die Bedeutung des Gewichts verstehen. Klar, sie kennt die Definition aus Wikipedia oder einer anderen Quelle im Internet. Doch weiß sie auch, welchen Einfluss das Gewicht auf die Attraktivität einer Person hat? Wissen wir das selbst überhaupt? Es gibt auf der Welt nämlich kein homogenes Schönheitsideal. Soll Alexa sich nun anmaßen, diese Frage von der Gesellschaft unabhängig zu beantworten und uns mitzuteilen, was sie als "schön" empfindet? Man könnte natürlich Studien verschiedener Länder zum Schönheitsempfinden von Personen nachlesen und den Algorithmus diese Erkenntnisse mit einbeziehen lassen. Doch das würde die Komplexität der Entscheidungsfindung weiter erhöhen. Außerdem muss sie wissen, dass der Erfolg beim Dating auch davon abhängt, dass beide Personen sich gegenseitig attraktiv finden (es reicht also nicht aus, dass sich alle 11 Minuten ein Single verliebt, denn zu einer Beziehung gehört nicht nur eine Person). Außerdem muss Alexa Kenntnis über die verschiedenen Dimensionen von Attraktivität besitzen, denn Attraktivität zeichnet sich nicht nur durch das Äußere aus. Es kommt auch auf die berühmten "inneren Werte" an. Dazu zählt z. B. auch Ehrlichkeit und wie ehrlich ist man, wenn man bei seinem Online-Dating-Profil lügt? Alexa darauf basierend also noch die Erfolgswahrscheinlichkeit dafür mit einkalkulieren, dass die Lüge auffliegt - da man sich früher oder später treffen wird, ist diese Wahrscheinlichkeit sehr hoch, doch jeder reagiert unterschiedlich auf einen derartigen Affront. Dieser partiellen Unehrlichkeit steht allerdings gegenüber, dass für den Beziehungsaufbau immer eine gewisse Unehrlichkeit mitschwingt, da der Mensch ein soziales Wesen ist und man sich in verschiedenen Situationen zu einem Kompliment hinreißen lässt, dass man eigentlich gar nicht so meint. Inwieweit die Lüge über das Gewicht hier gewichtet werden soll, ist nicht leicht zu beantworten - weder für uns, noch für Alexa. 

Du merkst bereits, dass an dieser einfachen Frage sehr viel dranhängt und die Beantwortung ein äußerst komplexes Unterfangen darstellt. Jetzt könnte man natürlich auf die Idee kommen, Alexa einen "moralischen Kompass" einzuprogrammieren. Für die genaue Ausrichtung dieses Kompass gibt es verschiedene Möglichkeiten:

  • Tugendethik Bei dem tugendethischen Ansatz könnte Alexa die Moral als Frage des Charakters sehen. Wenn sich Alexa also in die Rolle des Aristoteles begibt, könnte sie auf die Frage nach der Lüge über das Gewicht antworten, dass das eigene Verhalten (auch im Internet) Tugenden wie Ehrlichkeit aufweisen sollte. Demnach würde sie empfehlen, ehrlich zu sein.
  • Konsequentialismus Eine konsequentialistische Antwort auf die Frage würde den Wert der Handlung in Bezug auf die Folgen berücksichtigen. Alexa könnte also utilitaristisch antworten und somit raten, das Glück aller an dem Dating-Spiel beteiligten Personen zu maximieren. Dadurch stünde neben dem Bestreben, viele Dates zu bekommen, auch die Möglichkeit, die "wahre Liebe" zu finden, auf dem Plan. 
  • Deontologische Ethik In einer deontologischen Antwort auf die Frage, bei der sich Alexa in die Rolle von Immanuel Kant versetzen könnte, würde sie vermutlich empfehlen, dass Lügen grundsätzlich falsch ist und man sein tatsächliches Gewicht angeben solle (selbst wenn das die Erfolgschance auf ein Date reduziert). 

Welchen ethischen Ansatz Alexa nun wählen soll kann man nicht pauschal beantworten. Wer hat überhaupt die moralische Hoheit, darüber zu entscheiden? Wenn der Programmierer seine moralischen Vorstellungen implementiert und Alexa selbst nicht die Möglichkeit besitzt, situationsbedingt zu entscheiden, dann sind potentiell wichtige Entscheidungen unseres Lebens im Grenzfall von nur einem einzigen Menschen (nämlich dem Programmierer des Systems) abhängig.

Du siehst also, dass es durchaus wichtig ist, in Zeiten der Digitalisierung nicht nur darauf zu schauen, was technisch alles möglich ist, sondern auch zu überlegen, inwieweit wir lernen müssen, auch im Kontext von Algorithmen ethische Fragestellungen zu diskutieren.