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Informatik an einer FH oder Uni studieren?

1. Einführung

Du hast dich nun für ein Informatikstudium entschieden und freust dich bereits darauf, dir endlich Wissen aus den Bereichen Programmierung, Betriebssysteme, Rechnerarchitektur, Netzwerktechnik, Compilerbau, IT-Sicherheit und vielen mehr anzueignen. Doch eine Frage hast du noch nicht geklärt, nämlich ob du Informatik lieber an einer Universität oder einer Fachhochschule (FH) studieren willst. Wann welche Hochschulform für dich besser geeignet ist und worin sie sich voneinander unterscheiden, erfährst du in diesem Artikel.

Laut den Zahlen des statistischen Bundesamts ist ca. die Hälfte der Studierenden an Fachhochschulen eingeschrieben. Vor der Bologna-Reform galt noch das Credo, die FH sei etwas für Praktiker und an die Uni gehen nur die Theoretiker. Zudem musste man als Diplom-Absolvent, wenn man seinen Abschluss an einer Fachhochschule erworben hat, hinter seinem Titel ein „(FH)“ tragen, um eine Verwechslung mit dem universitären Diplom zu verhindern (was einem heutigen Master entsprechen würde).


2. Wert des Studienabschlusses und das Promotionsrecht

Beginnen aber wir zunächst einmal mit ein paar formalen Kriterien: Der Abschluss, den du an einer Hochschule (egal, ob an einer Universität oder Fachhochschule) erwirbst, ist gleichwertig - Bologna macht's möglich! Mit dem Bologna-Prozess wollte man eine europaweite Vereinheitlichung der verschiedenen Studiengänge und -abschlüsse erzielen und somit einen europäischen Hochschulraum schaffen. Es sollte möglich sein, sich als Student mit einem Bachelor- oder Masterabschluss über die Ländergrenzen hinweg mit anderen Absolventen vergleichen zu können und die Türen zu einem größeren Arbeitsmarkt öffnen, was in Zeiten der Globalisierung durchaus sinnvoll und lobenswert ist. Gemessen werden Studienleistungen dabei mit sogenannten ECTS-PunktenECTS steht für European Credit Transfer System. Für einen Bachelorabschluss mit sechs Semestern Regelstudienzeit sind 180 ECTS Punkte nötig. Für einen Master sind es noch einmal 120 ECTS Punkte und somit in Summe 300 ECTS Punkte, was einer Regelstudienzeit von zehn Semestern entspricht. Für einen ECTS-Punkt sind 30 Stunden Arbeit zu erbringen. Für einen Bachelor musst du also rein rechnerisch 5400 Stunden und für einen Master insgesamt 9000 Stunden Zeit investieren.

Es ist möglich, seinen Bachelor-Abschluss an einer Fachhochschule zu machen und dann im Anschluss an eine Universität zu wechseln. Ggf. müssen jedoch bestimmte Fächer nachgeholt werden, die im Bachelorstudium an einer FH nicht Teil des Lehrplans war. Wenn du z. B. an der Hochschule München einen Bachelor in Informatik erwirbst und danach an der TU-München (TUM) oder LMU einen Master machen möchtest, dann musst du eine bestimmte Anzahl an ECTS-Punkten im Bereich Mathematik nachholen, um zugelassen zu werden. Es gibt nämlich kein formales Kriterium, das einen Master an einer Universität nur erlaubt, wenn du auch einen Bachelor dort gemacht hast, doch es wird für die Zulassung zu einem Master von einem "gleichwertigen" Abschluss gesprochen. Der Begriff "gleichwertig" bezieht sich dabei auf die Module und die thematische Schwerpunktsetzung (bspw. eine bestimmte Anzahl an ECTS-Punkten im Bereich Mathematik). Viele Universitäten (und auch Fachhochschulen) prüfen die Eignung eines Bewerbers neuerdings aber auch in Eignungsfestellungsverfahren. Dadurch ist es ggf. möglich, auf das Nachholen von Studienleistungen in einem bestimmten Bereich zu verzichten, sofern das die Prüfungsordnung hergibt. Umgekehrt müssen Absolventen einer Universität bei Aufnahme eines Masters an einer Fachhochschule evtl. ein Praxissemester absolvieren oder ebenfalls Fächer nachholen. Das ist vor allem dann der Fall, wenn der von einer Fachhochschule angebotene Master-Studiengang nur 90 ECTS-Punkte hat. Die Bachelor-Studiengänge in Informatik an einer Fachhochschule sind nämlich oft sieben statt sechs Semester lang. Diese 30 ECTS-Punkte fehlen den Universitätsabsolventen. Man kann die ECTS-Punkte oft aber auch durch die Belegung von weiteren Modulen statt des Absolvierens eines Praxissemesters erwerben.

Beachte, dass Fachhochschulen in der Regel kein Promotionsrecht besitzen, d. h. nur Universitäten dürfen einen Doktortitel verleihen. Es gibt aber Programme, in denen Fachhochschulen mit Universitäten kooperieren, wodurch eine Promotion an der Fachhochschule möglich ist. Allerdings verleiht in diesem Fall dann die Universität den Doktorgrad, doch man hat Betreuer von der Fachhochschule und der Universität. Die Hochschule München bietet so etwas bspw. in Kooperation mit der TU-München an. Auch bei der Technischen Hochschule Mittelhessen (THM) ist dieses Modell in Kooperation mit der Justus-Liebig-Universität Gießen (JLU) möglich.

Man kann an einer Fachhochschule auch nicht alle Fächer studieren! Medizin, Jura und Mathematik sind Beispiele dafür. Auch Lehramtsstudiengänge werden an Universitäten studiert. Andere Fächer (wie die Informatik) können aber sowohl an einer Universität, als auch an einer Fachhochschule studiert werden. Um ein Studium an einer Fachhochschule aufnehmen zu können, genügt übrigens ein Fachabitur. Wenn du an einer Universität studieren möchtest, dann brauchst du allerdings die allgemeine Hochschulreife (Abitur), doch mittlerweile gibt es auch andere Wege zu einem Universitätsstudium wie etwa eine abgeschlossene Berufsausbildung auf dem Niveau eines Meisters und/oder eine bestimmte Anzahl an Jahren praktischer Berufserfahrung.

Im öffentlichen Dienst ist es übrigens egal, ob du nun einen Bachelor- oder Master von einer Fachhochschule oder einer Universität hast. Hier zählt, dass du einen dieser beiden Abschlüsse hast und danach richtet sich auch dein Gehalt. In der freien Wirtschaft ist das etwas anders: Dort kann die Hochschulform, an der du deinen Abschluss erworben hast, einen Einfluss auf die Gehaltsverhandlungen nehmen, muss es aber nicht. Das richtet sich auch nach der Stelle, auf die du dich bewirbst.


3. Praxis vs. Theorie

Die Art und Weise, wie an den beiden Hochschulformen gelehrt wird, sowie die Schwerpunktsetzung im Studium unterscheidet sich trotz Bologna immer noch (wenn auch nicht mehr so stark wie früher). Ursprünglich waren FHs vor allem Orte für die angewandten Lehre und sie legten damit einen geringeren Schwerpunkt auf die theoretische Forschung. Das kann ich persönlich so nicht bestätigen, weil ich damals von einem meiner Professoren ein Angebot für den sogenannten Forschungsmaster bekommen habe. Das ist ein Master-Studienprogramm, bei dem man Veröffentlichungen schreibt und ein großes Forschungsprojekt während des gesamten Masterstudiums absolviert. Offiziell nennt sich der Abschluss dann "Master of Applied Research in Engineering Sciences", also ein Master für angewandte Wissenschaften in den Ingenieurswissenschaften. Viele Professoren legen auch schon bei der Bachelorarbeit großen Wert darauf, dass man nicht nur methodisch sauber arbeitet, sondern auch ein forschungsorientiertes Thema wählt. Dem gegenüber steht häufig der Vorwurf, dass ein FH-Studium nichts anderes als eine Ausbildung mit mehr Theoriestunden sei. Eine FH ist natürlich praktisch orientiert, doch es gibt viele Absolventen, die danach trotzdem gerne von Unis angenommen werden und man darf nicht vergessen, dass ein FH-Master zur Promotion berechtigt. Diese muss lediglich an einer Uni stattfinden, weil FHs (noch) kein Promotionsrecht haben. Vor einigen Jahrhunderten hatten dieses Recht übrigens auch nicht die technischen Universitäten, weil die "Wissenschaften von Druck und Dampf" von vielen Gelehrten in der damaligen Zeit belächelt wurden. Auch FHs haben mittlerweile erkannt, dass es einen großen Bedarf an eigener Forschung gibt. Diese wird sowohl durch staatliche Programme, als auch von Unternehmen unterstützt, die mit einer konkreten Forschungsfrage an die FHs herantreten. Umgekehrt haben viele Universitäten auch erkannt, dass es wichtig ist, die Studierenden auf den Arbeitsmarkt vorzubereiten und nicht alle ins Forschungsumfeld zu ziehen.

An Universitäten kommt es nicht selten vor, dass man seine Mathematik-Vorlesungen mit den Mathematikern zusammen hört und dieselbe Prüfung schreibt. Dies kann den ein oder anderen vor eine sehr hohe Herausforderung stellen, da diese Form der Mathematik sehr ungewohnt und für viele, die frisch von der Schule kommen, mit einer 180°-Drehung im Denken verbunden ist. An Fachhochschulen werden die für einen Informatiker relevanten Mathematik-Themen zwar auch behandelt, doch je nach Fachhochschule und Professor ist das, was an Abstraktionsvermögen eingefordert wird, sehr unterschiedlich. Manche fordern, dass man auch in der Klausur fix im Beweisen ist, andere wiederum beschränken sich auf algorithmisch ablaufende Beweisverfahren wie das der vollständigen Induktion. Meiner Ansicht nach ist es für einen Informatiker vor allem wichtig, dass er lernt, abstrakt zu denken, doch wenn man nicht unbedingt in die Forschung gehen möchte, reicht das Abstraktionslevel an einer Fachhochschule auf jeden Fall aus. Damit möchte ich aber nicht sagen, dass Fachhochschulen generell den Universitäten im Aufbau logischen Denkens hinterherhinken! Man hat auch an einer Fachhochschule zahlreiche Möglichkeiten, sich in die tiefsten Tiefen der Mathematik zu stürzen, wenn man sich die entsprechenden Wahlpflichtmodule aussucht. Oft ist es auch eine Frage der inneren Einstellung, ob man nun wirklich wissen möchte, dass der euklidische Algorithmus das Produkt eines konstruktiven Beweises ist oder ob es einem ausreicht zu verstehen, wie man ihn anwendet. Wie so oft kommt es auf deine Einstellung, die der Hochschule und die deines Professors an, wie deine mathematische Ausbildung an der Fachhochschule ausfällt! Das gilt übrigens auch für die anderen Fächer. Es lässt sich aber nicht bestreiten, dass Unis einen wirklich sehr hohen Wert auf die theoretische Ausbildung legen und wenn man langfristig in die Forschung gehen möchte, ist man hier wesentlich besser aufgehoben!

Die einzelnen Module an den jeweiligen Hochschulformen können sich vom Umfang her stark unterscheiden. Während man an FHs häufig Module mit 5 ECTS-Punkten findet, sind an Universitäten nicht selten 8 bis 10 oder sogar noch mehr ECTS-Punkte pro Modul an der Tagesordnung. Das heißt nicht, dass man an der FH weniger lernt, sondern dass man an der Universität in einem Modul mehr behandelt, d. h. aber auch, dass die notwendige Prüfungsvorbereitung pro Modul wesentlich umfangreicher sein kann.


4. Lehrplangestaltung

Worin sich Universitäten und Fachhochschulen aber immer noch stark unterscheiden ist die Gestaltung des Lehrplans. Der Studienverlauf an einer FH ist sehr verschult, d. h. man wird, wenn man die Oberstufe gerade beendet hat, an der FH von der Strukturierung kaum einen Unterschied zur Schule feststellen, da 

man einen mehr oder weniger festen Stundenplan in die Hand gedrückt bekommt, den man dann abarbeitet. Natürlich hat man in späteren Semestern viele Freiheiten in der Wahl seiner Wahlpflichtfächer, doch man bekommt sehr viel abgenommen. Das kann ein Vorteil sein, da man nicht um einen Platz in einem bestimmten Fach bangen muss, doch viele bevorzugen die Freiheiten, die man bei der Gestaltung des Studienplans an einer Universität hat. Man hat hier oftmals mehrere Wahlmöglichkeiten und kann sich seine Fächerkombination selbstständig zusammenbauen. Am Ende zählen jedoch bei beiden die erreichten Leistungen. Du solltest dabei auf deine Präferenzen hören, denn nicht jeder kommt mit den vielen Freiheiten zurecht und braucht eine von außen vorgegebene Struktur. 

In der Informatik hat man aber Fächer, die man in jedem Fall belegen muss, wie etwa Betriebssysteme, Netzwerktechnik und diverse Mathematik-Module. Man kann sich an einer Universität aber oft aussuchen, wann man was belegt. Man sollte aber beachten, dass einige Module inhaltliche Voraussetzungen haben, d. h. es ergibt wenig Sinn, direkt mit Kryptologie zu starten, wenn man nicht zuvor ein solides Grundwissen in algebraischen Strukturen und Zahlentheorie erworben hat. Natürlich wiederholt man in den jeweiligen Modulen noch einmal bestimmte Punkte, doch wenn man sich in Embedded Computing einschreibt und noch nie in C programmiert hat, könnte man einige Probleme mit dem Modul bekommen. Außerdem gibt es Module, die eine formale Voraussetzung haben, d. h. du darfst dieses Modul erst belegen, wenn du bestimmte andere Module belegt hast. 


5. Fazit

Das Informatikstudium an einer FH ist zweifelsohne nach wie vor sehr praxisorientiert. Man hat aber an vielen Stellen die Möglichkeit, in den Forschungsbereich zu wechseln, wenn man möchte - Bologna macht's möglich. Man hat auch einige Wahlmöglichkeiten, doch der Studienplan ist an vielen Stellen sehr streng vorgegeben. Allgemein lässt sich schon ein sehr verschultes Vorgehen feststellen. Es ist aber keineswegs so, dass man dadurch weniger lernt oder der Abschluss weniger wert ist.

An einer Universität liegt der Fokus im Informatikstudium vor allem auf der theoretischen Ausbildung. Die Mathemaitkfächer werden hin und wieder mit den Mathematikern besucht (das muss aber nicht überall so sein). Insgesamt hat man es später vermutlich leichter im Forschungsumfeld Fuß zu fassen, doch auch mit einem FH-Master ist das möglich. 

Welche Hochschulform für dich besser geeignet ist, musst du für dich entscheiden. Wenn du schnell in die Arbeitswelt einsteigen und praktisch arbeiten möchtest, dann ist ein FH-Studium im Bereich der Informatik durchaus empfehlenswert. Wenn du später einmal im Bereich IT-Sicherheit arbeiten möchtest, solltest du unbedingt viel Praxiserfahrung sammeln und da ist die Hochschule auch ein sehr gutes Mittel der Wahl. Da viele FH-Professoren direkt aus der Wirtschaft kommen und auch die Vernetzung der Hochschule in der Wirtschaft in den meisten Fällen exzellent ist, kann die FH hier sehr gut vermitteln. Wenn du hingegen im Forschungsbereich, der Unternehmensberatung oder in der Forschungs- und Entwicklungsabteilung eines Unternehmens arbeiten möchtest, dann ist ein Studium an einer Universität vermutlich die bessere Wahl für dich. Man sollte auch beachten, dass in der Gesellschaft in großen Teilen immer noch das Bild vor Bologna in den Köpfen verankert ist und gerade die älteren Semester in einem FH-Absolventen die Light-Version eines Uni-Absolventen sehen, was definitiv nicht der Fall ist. Jede Hochschulform hat ihre Stärken und Schwächen.