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Medizininformatik studieren

1. Einführung

Ein Informatikstudium gibt es in zahlreichen Geschmacksrichtungen: Medieninformatik, Wirtschatfsinformatik, Bioinformatik, Technische Informatik, angewandte Informatik, Sozioinformatik oder eben das klassische Informatikstudium. Daneben gibt es eine weitere Studienrichtung im Bereich der Informatik, die noch gar nicht so alt ist, nämlich die Medizininformatik. Worum es in diesem Studiengang geht, welche Inhalte du lernst und was du damit später beruflich anstellen kannst, erfährst du in diesem Artikel.

Warum bin ich qualifiziert, dir etwas über diesen Studiengang zu erzählen, obwohl ich ja eigentlich "reine" Informatik studiert habe? Nun, der erste Job, den ich nach meinem Studium angetreten habe (und den ich noch ausführe) ist im Krankenhausumfeld. Von daher weiß ich in Teilen, wie die IT in einem großen Krankenhausbetrieb funktioniert und hatte auch schon mit Medizininformatikern zu tun.


2. Warum gibt es diesen Studiengang?

In einer immer stärker vernetzten Welt, in der auch die medizinische Versorgung und die Dokumentation von Laborergebnissen mit IT-Systemen vorgenommen wird, bedarf es natürlich Experten, die in der Lage sind, diese Geräte zu programmieren, zu bedienen und Informationssysteme zu entwerfen, die mit großen Datenmengen elegant umgehen können. Kurzum: seit Jahren steigt die Bedeutung der Informationstechnologie in der Medizin, was durch die Digitalisierung nahezu aller Lebensbereiche beschleunigt wird. Dadurch wächst auch der Bedarf an Medizininformatikern. Es gibt eine Vielzahl von Szenarien, in denen die moderne medizinische Behandlung auf IT trifft: 

  • Viele klinische Prozesse werden heutzutage rechnergestützt durchgeführt. Dazu zählen z. B. die Abrechnung von Behandlungskosten und die Dokumentation von Patientendaten. Letztere müssen hohen rechtlichen Anforderungen entsprechen, die teilweise nur dann wirklich eingehalten können, wenn man weiß, wie die IT-Systeme, in denen Patientendaten gespeichert werden, funktionieren. 
  • Bei der Diagnostik von Krankheiten und der Therapie von Patienten werden Bildanalyse-Tools eingesetzt, die auf Methoden des maschinellen Lernens fußen. Du hast bestimmt schon von den Bildverarbeitungsprogrammen gehört, die in der Lage sind, bestimmte Hautkrebsarten zuverlässiger zu erkennen als so mancher Oberarzt. Um solche Systeme zu entwickeln sind neben fundierten Kenntnissen im Bereich der modernen Informationstechnologien auch Medizinkenntnisse notwendig, die ein "normaler" Informatiker in der Regel nicht hat.
  • Zudem gibt es eine Reihe von Aufgaben und Anwendungssystemen, die durch Software unterstützt werden sollen. Diese Software muss nicht selten den Anforderungen des sogenannten Medizinproduktegesetzes entsprechen. Selbst die Berechnung eines BMI durch den Computer kann ggf. unter dieses Gesetz fallen, da auf Basis dieses Werts Befundungen vorgenommen und entsprechende Therapien eingeleitet werden. Dementsprechend sind dafür Zertifizierungen erforderlich. In der aktuellen Corona-Situation durfte ich auch schon Bekanntschaft mit diesem Gesetz machen, da ich im Rahmen eines Projekts Checklisten zur Triagierung von CoViD-19 Verdachtsfällen und ein Tool zur Risikokategorisierung von bestimmten Patientengruppen entworfen habe. Es ist sehr wichtig, welche Daten dabei verarbeitet werden und was das System vorgibt! Wenn man dem Arzt die Entscheidung mehr oder weniger abnimmt oder auf Basis der vom Programm gelieferten Ergebnisse Behandlungsentscheidungen getroffen werden, fällt man unter dieses Gesetz und muss einen solchen Zertifizierungsprozess durchlaufen.
  • In der Regel gibt es nicht nur ein klinisches Informationssystem, sondern sehr viele, die alle miteinander kommunizieren müssen. Da gibt es z. B. ein RIS (Radiologieinformationssystem), ein PACS (Picture Archiving and Communication System) und ein PDMS (Patientendatenmanagementsystem). Damit diese Systeme alle sauber miteinander kommunizieren können, bedarf es einer Reihe von Schnittstellen, um die heterogene IT-Landschaft so gut es geht zu homogenisieren. Hierzu sind Experten notwendig, die sich mit internationalen Kommunikationsstandards (wie HL7) auskennen.
  • Da Informatiker (und somit auch Medizininformatiker) eine breite mathematische Grundausbildung erhalten, sind sie auch im statistischen Umfeld einsetzbar. Insbesondere dann, wenn klinische Studien durchgeführt werden, sind Medizininformtiker gefragt, um bei der statistischen Auswertung der Ergebnisse zu unterstützen und ggf. im Vorfeld die Voraussetzungen dafür zu treffen, dass die Studie am Ende auch aussagekräftig ist.

3. Studieninhalte

Wie in einem klassischen Informatikstudium erwarten dich am Anfang Mathematik (in Form von Analysis und linearer Algebra), Softwareentwicklung bzw. Programmierung, technische Informatik, theoretische Informatik, Algorithmen und Datenstrukturen, Software Engineering, Datenbanken, Betriebssysteme, sowie Computergrafik und Bildverarbeitung. Das Grundstudium ist an vielen Unis und Fachhochschulen in großen Teilen deckungsgleich mit den eines "normalen" Informatikers. Zusätzlich gesellen sich medizinspezifische Fächer wie Grundlagen der Medizin, Biometrie, Medizinische Dokumentation, Medizinrecht, klinische Anwendungen, Gesundheitsökonomie, eHealth, Physik und ein medizinisches Praktikum. Warum gibt es diese Fächer? Nun, du musst später unter Umständen mit Ärzten kommunizieren können, um technische Lösungen für ihre Fragestellungen entwickeln zu können. Dafür ist es selbstverständlich vonnöten, dass ihr zumindest in Teilen dieselbe Sprache sprecht. Du wirst in deinem Studium kein Physikum absolvieren und auch keine andere Ausbildung durchlaufen, die dich dazu berechtigt, später einmal Patienten zu behandeln. Deine Aufgabe ist die eines Informatikers, der eben über umfangreiches Wissen im Bereich der Medizin und inbesondere die medizinische IT besitzt.

Studiere das Fach bitte nicht aus der Motivation heraus, später dann ins Medizinstudium wechseln zu können - das wird in den meisten Fällen nicht funktionieren, wenn du nicht ein sehr gutes Abitur besitzt. Ich habe schon oft von Studierenden gelesen, die ein Medizininformatik-Studium als Sprungbrett ins Medizinstudium nutzen wollen, weil ihr Abitur keinen ausreichenden NC aufweist. Diese Studierenden möchte ich an dieser Stelle direkt desillusionieren. Selbst, wenn du deinen Bachelor abgeschlossen hast, wirst du aller Wahrscheinlichkeit nach auch nicht über ein Zweitstudium ins Medizinstudium wechseln können, auch wenn du noch so gute berufliche und/oder wissenschaftliche Begründungen anführen kannst. Das kann sich in den nächsten Jahren noch ändern, doch das ist der aktuelle Stand.


4. Ist das Studium etwas für mich?

Du siehst also, dass auch im Medizin-Umfeld ein hoher Bedarf an gut ausgebildeten Informatikern besteht. Während ein Wirtschaftsinformatiker für die Kommunikation zwischen Unternehmen und ITlern zuständig ist (also quasi das Bindeglied zwischen Wirtschaft und IT bildet), ist ein Medizininformatiker das Bindeglied zwischen der Medizin bzw. den Ärzten/Pflegekräften und der IT. Wenn du also Spaß daran hast, genau in dieser Mittlerrolle deine berufliche Zukunft zu planen, dann ist Medizininformatik genau der richtige Studiengang für dich.

Auch IT-Sicherheit spielt im Krankenhausumfeld eine große Rolle, da diese Einrichtungen zu den sogenannten kritischen Infrastrukturen (KRITIS) gehören, woraus spezielle IT-sicherheitstechnische Anforderungen an die IT-Systeme erwachsen. Meine Bachelorarbeit habe ich übrigens in genau dieser Nische geschrieben, doch dazu in einem anderen Artikel mehr.


5. Berufliche Aussichten

Die beruflichen Aussichten eines Medizininformatikers sind hervorragend. Insbesondere dann, wenn die Corona-Krise vorüber ist, wird vermutlich ein großer Wandel im Medizin-Umfeld stattfinden. Vermutlich werden neben einer Erhöhung der personellen Kapazitäten im Bereich der Pflege auch weitere Schritte in Richtung Digitalisierung unternommen und da bist du als Medizininformatiker ganz vorne mit dabei.

Als Medizininformatiker findest du nicht nur in allen Einrichtungen des Gesundheitswesens, sondern auch in der Software-Entwicklung für Anwendungen der Medizintechnik und für KIS (Krankenhausinformationssystem), ein sehr umsatzreiches und spannendes Beschäftigungsfeld. Auch außerhalb des Medizin-Sektors bist du aufgrund deiner mathematischen und informationstechnischen Grundausbildung ein gefragter Experte.

Besonders im Bereich der Forschung gibt es spannende Gebiete, die mit dem Aufkommen von neuen Technologien (wie etwa neuronale Netze) noch weiter ausgebaut werden.


6. Fazit

Wenn du dich für Informatik und Medizin begeistern kannst, dann ist eine Überlegung, ein Studium im Bereich der Medizininformatik anzustreben, durchaus empfehlenswert. Beachte aber, dass du mathematisch nicht weniger hart angefasst wirst als die "normalen" Informatiker und dass du nicht Unsummen mehr verdienst als ein reiner Informatiker. Die Einstiegsgehälter nach dem Studium sind in etwa vergleichbar mit denen von Informatikern und Wirtschatfsinformatikern. Nach oben hin sind selbstverständlich (wie auch in den anderen Gebieten) keine Grenzen gesetzt. 

Ich würde dir trotzdem empfehlen, zuerst ein klassisches Informatikstudium zu absolvieren und dich erst danach zu spezialisieren, da du sonst ggf. eine andere Passion verpasst und natürlich breiter aufgestellt bist. Selbstverständlich kannst du auch als Medizininformatiker in anderen Bereichen außerhalb des Geusndheitswesens arbeiten, doch dir fehlt evtl. die Tiefe, die für einen anderen Bereich notwendig ist. Das kann, muss aber nicht so sein. Wenn du aber weißt, dass du auf jedem Fall als Medizininformatiker das Gesundheitswesen unterstützen willst, dann spricht nichts dagegen, direkt mit dem Bachelor in diesem Bereich loszulegen.