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Was kommt nach dem Studium?

1. Einführung

Du spielst mit dem Gedanken Informatik zu studieren oder befindest dich bereits auf der Zielgeraden und wirst bald ins Berufsleben eintauchen? Dann wird dich sicherlich interessieren, was du mit deinem abgeschlossenen Studium alles machen kannst und wie dein potentieller Arbeitsalltag aussieht. In diesem Artikel klären wir viele Fragen, die oft in diesem Zusammenhang auftauchen.

Vielleicht noch als wichtige Botschaft vorab: Die zahlreichen Day-in-the-Life-of-[hier beliebigen IT-Beruf einfügen]-Videos auf YouTube fangen in den seltensten Fällen einen tatsächlichen Arbeitsalltag ein. Du musst bedenken, dass hier Influencer am Werk sind und in den sozialen Medien ist es nun mal sehr oft so, dass man sein Leben so schillernd und erfolgreich wie nur möglich darstellen will. Vielleicht sind diese Videos sogar versteckte Werbung für die Unternehmen, bei denen die Protagonisten arbeiten.

Doch selbst wenn das tatsächlich reale Abbilder eines durchschnittlichen Arbeitsalltages in einem bestimmten Berufszweig sind, dann ist immer noch fraglich, ob du ähnliche Erfahrungen machen wirst. Man kann für einen Scrum-Master natürlich ein abstrahiertes Tätigkeitsprofil heraus faktorisieren, doch es kommen noch so viele weitere Faktoren hinzu, die einen Einfluss auf die konkrete Ausgestaltung haben, wie etwa

  • das Unternehmen,
  • die Unternehmensgröße,
  • das Alter des Unternehmens (also Startup vs. schon Jahre lang in der Branche etabliert)
  • die Kollegen,
  • die Projekte, an denen man arbeitet, 
  • das Arbeitsmodell (Vollzeit/Teilzeit, gibt es Homeoffice?)

und viele mehr. Wenn ich bspw. ein Day-in-the-Life-Video von meinem ersten Job nach dem Studium drehen würde, dann wäre das von außen betrachtet ziemlich langweilig, weil sich alles mehr oder weniger an einem Fleck abspielen würde und man sehr wenig Variation in der eigentlichen Tätigkeit sähe. Denn seien wir mal ehrlich: ein Informatiker wird nach seinem Studium aller Voraussicht nach die meiste Zeit vor einem Rechner sitzen und programmieren, E-Mails schreiben, fachbezogen mit seinen Kollegen chatten und diversen anderen Tätigkeiten nachgehen, die sich ausschließlich auf dem Bildschirm abspielen. Viel spannender sind eigentlich die konkreten Projekte, die man bearbeitet, doch dafür müsste man den Zuschauer solcher Videos inhaltlich viel zu stark vorbereiten und einbeziehen, um daraus überhaupt einen entertainenden Mehrwert zu generieren. Das sehen die meisten Unternehmen aber überhaupt nicht gerne, weshalb das Gros der Day-in-a-Life-Videos sehr homogen wirkt. 

So, nun aber genug der langen Vorrede! 


2. Motivation für das Informatikstudium

Zunächst einmal solltest du dir (auch wenn du dich bereits am Ende deines Studiums befindest) ins Gedächtnis zurückrufen, aus welcher Motivation heraus du überhaupt ein Informatikstudium begonnen hast. Wolltest du einfach nur Programmieren lernen? Bist du mit einem spezifischen Ziel ins Studium gegangen (z. B. um später in der Spieleindustrie oder dem IT-Security-Umfeld Fuß zu fassen)? Fühlst du dich überhaupt bereit für den Arbeitsmarkt? 

Deine Antworten auf diese Fragen beeinflussen maßgeblich dein Leben nach dem Studium.

  • Wenn du dein Studium begonnen hast, um Programmieren zu lernen und es dir immer noch Spaß macht, dann wird dich aller Voraussicht nach ein Job glücklich machen, in dem viel programmiert werden muss. Die gibt es wie Sand am Meer! Du solltest natürlich auch darauf achten, dass du möglichst mit den Sprachen bzw. Frameworks arbeitest, die du kennst (es sei denn, du willst dein Profil um eine weitere Sprache ergänzen, etwas Neues lernen oder dich einfach der Herausforderung stellen).
  • Wenn du bereits am Anfang deines Studiums wusstest, dass du in die Spieleindustrie möchtest und neben deinem Studium dort mit Freude gearbeitet hast, dann ist ziemlich klar, wo die Reise hingehen wird. Doch auch in diesem Bereich gibt es zahlreiche Job-Geschmacksrichtungen, denn neben dem klassischen "Spieleentwickler" oder dem "Game Designer" gibt es dort auch noch Berufe wie den "DevOps-Engineer", den "Software-Engineer für VR/AR", den "Software-Test-Engineer" oder den "Fullstack-Developer". Die meisten der zuletzt genannten Berufe sind auch in anderen Bereichen zu finden und es kommt dann primär darauf an, in welchem Umfeld du dich am wohlsten fühlst – bei der Anzugträger-Fraktion, den bunten Vögeln oder den "Nerds". Du siehst daran bereits, dass sich einzelne Berufe wie der DevOps-Engineer von Branche zu Branche unterscheiden können und verallgemeinerte Berufsbeschreibungen nur einen Teil der Wahrheit zeigen.
  • Wenn du dich noch nicht bereit für den Arbeitsmarkt fühlst, dann könnte das z. B. an der Angst vor dem Ungewissen liegen. Wenn du ein duales Informatikstudium absolviert hast, dann wirst du vermutlich weniger Angst vor dem Berufsleben haben als jemand, der noch nie ein Praktikum im IT-Bereich gemacht hat. Vielleicht ist dein Wissensdurst aber auch noch nicht gestillt und du möchtest dich lieber noch ein bisschen akademisch weiterqualifizieren. Dagegen spricht absolut nichts und verschafft dir die Zeit darüber nachzudenken, was du mit dem ganzen Wissen anstellen willst, das du dir im Studium mühsam aufgebaut hast. 

3. Bachelor ... und dann?

Wenn du deinen Bachelorabschluss in der Tasche hast, dann kannst du dich selbstverständlich schon auf diverse Stellen bewerben, die in der freien Wirtschaft ausgeschrieben werden. Das kannst du auch vor Ende deines Studiums machen und es ist (gerade im IT-Umfeld) unbedingt zu empfehlen, da du damit bereits einen "Fuß in der Tür" hast und ggf. während des Studiums Geld verdienen kannst, weil du etwa als Werkstudent oder Freiberufler tätig bist. Wenn du bereits während deines Studiums als Python-Freelancer arbeitest, dann sammelst du neben Mäusen für dein Konto gleichzeitig auch qualifizierte Berufserfahrung – das ist jedenfalls besser als Regale einzuräumen oder zu kellnern, was nicht abwertend gemeint sein soll, doch gerade als Informatikstudent bieten sich einem so viele studiengangsnahe Möglichkeiten, die ein Philosophiestudent vermutlich nicht hat. Informatik ist dabei aber keine Ausnahme, denn es gibt auch andere Studiengänge, die sich mit einem passenden Nebenjob in dem Bereich, in dem man später arbeiten möchte, kombinieren lassen. 

Dir steht (bei entsprechenden Leistungen) selbstverständlich die akademische Karriere offen, d. h. statt ins Berufsleben einzusteigen, kannst du einen Master bzw. noch später eine Promotion an deinen Bachelor anschließen und dich so in einem bestimmten Bereich gezielt weiterqualifizieren. Zu der Frage, ob sich ein Master für dich lohnt und was du damit später zusätzlich machen kannst, habe ich bereits in einem Video ausführlich erläutert


4. Berufsprofile

Schön und gut, doch wie sieht denn nun das klassische Berufsprofil eines Informatikers aus? Nun, es gibt kaum einen Bereich, in dem die Job-Möglichkeiten so vielfältig sind, wie nach dem Informatikstudium, da du vor allem gelernt hast, abstrakt zu denken. Das befähigt dich für viele (auch fachfremde) Jobs, weshalb es schwierig ist, hier den Beruf vorzustellen. Diese Eigenschaft teilst du dir übrigens auch mit den Mathematikern und Physikern, da bei ihnen auch weniger die konkreten Fachkenntnisse als vielmehr die Herangehensweise an Probleme im Vordergrund stehen. Deshalb sind viele Jobs, die vom Grundgedanken am besten zu einem Informatiker passen würden (wie etwa ein Software-Architekt) auch für Mathematiker, Physiker oder Ingenieure ausgeschrieben. Ich habe auch schon Jobangebote bekommen, bei denen man überhaupt nicht programmieren muss, sondern vorrangig Konzepte bzw. Leitlinien entwirft oder eine Software rein architektonisch vor dem Whiteboard konzeptioniert. Programmieren sollte man dabei allerdings schon können, da man ansonsten bestimmte Sachverhalte überhaupt nicht beurteilen kann. Zu den Skills aus dem Studium, die du tatsächlich für dein Leben nach dem Studium brauchst, sage ich später aber noch Genaueres. 

Zunächst einmal solltest du dir Gedanken machen, welchen Weg du beschreiten willst: Angestelltenverhältnis, Selbstständigkeit oder eine Mischung aus beidem. Zu den Unterschieden, sowie Vor- und Nachteilen dieser Beschäftigungsarten im IT-Umfeld schreibe ich noch einen separaten Artikel. Im Angestelltenverhältnis gibt es unterschiedliche Job-Portraits, in denen der Fokus auf den folgenden Tätigkeiten mit mal mehr und mal weniger starker Ausprägung liegt: 

  • Programmieren von Software
  • Konzeptionieren von Software
  • Software-Tests schreiben
  • Arbeiten im Team
  • Schulung von Usern
  • Konzepte entwerfen (z. B. ein Informationssicherheitskonzept)
  • Beratung von Kunden

Je nach Job kann es sein, dass du dich fast ausschließlich mit der Entwicklung von Tests beschäftigst oder nur Mitarbeiter schulst. Das lässt sich nicht pauschalisieren und eröffnet dir natürlich gleichzeitig die Möglichkeit, dein berufliches Wirken so auszutarieren,wie du es für richtig hältst. Solche Freiheiten sind in einer selbstständigen Tätigkeit natürlich eher gegeben.

Schau am besten einfach mal bei großen Unternehmen wie etwa Google auf der Karriere-Seite nach und scrolle dich durch die Stellenbeschreibungen und die Anforderungsprofile. Da wirst du teilweise Job-Bezeichnungen finden, mit denen du auch als fertig Studierter nichts anfangen kannst, doch ein genauer Blick auf die Aufgaben verrät meistens, worum es in etwa gehen wird. 

Eine Selbstständigkeit im IT-Umfeld kann neben den klassischen Jobs, die man in Unternehmen so macht, noch vielseitiger sein, weil du dich nicht nur auf einen Bereich beschränken musst und die bereits angesprochene Gewichtung der einzelnen Aufgabenbereiche nach eigenem Gusto bestimmen kannst. Welche Möglichkeiten hast du als Selbstständiger bzw. Freiberufler?

  • Du könntest, basierend auf deinem Tech-Stack (also deinen konkreten Programmier- bzw. Framework-Skills), im Auftrag für verschiedene Unternehmen eine Software oder bestimmte Teile einer Software entwickeln. Du könntest für verschiedene Kunden Webseiten entwickeln, administrieren und hosten.
  • Wenn du Spaß am Erklären hast, dann kannst du auch einer Dozententätigkeit nachgehen und anderen Menschen das Programmieren beibringen. Als ITler bist du bei solchen freiberuflichen Lehraufträgen nicht nur an die reine Programmierung gebunden, sondern kannst auch Seminare zum Datenschutz oder zur IT-Sicherheit geben. Der Kreativität sind hier keine Grenzen gesetzt. Auch ein Tech-Channel auf YouTube wäre eine Umsetzungsmöglichkeit für dieses Vorhaben.
  • Dir steht es natürlich auch frei, ein eigenes Software-Produkt zu entwickeln und zu verkaufen. Dazu zählen z. B. Apps (nicht nur Spiele) oder gezielte Lösungen für Unternehmen. Die gerade erst erschienene Corona-App ist ein Beispiel für so ein Produkt, das du auch als Selbstständiger (mit Hilfe eines Teams) hättest entwickeln können - und damit vermutlich jetzt bereits ausgesorgt hättest.
  • Du kannst natürlich auch als IT-Berater tätig werden und Unternehmen strategisch oder fachlich unterstützen. 
  • Es ist natürlich auch möglich konkrete Dienstleistungen wie Penetrationstests anzubieten oder als externer Datenschutzbeauftragter zu fungieren.
  • In einer Zeit, in der Startups wie Pilze aus dem Boden schießen, kannst du die bereits genannten Punkte auch bündeln und aus diesem Gesamtpaket eine Firma schnüren. Zu IT-Startups wird noch ein separater Artikel folgen.

5. Welche Skills aus dem Studium?

Abschließend wollen wir uns noch einmal über die Skills unterhalten, die du für dein Berufsleben tatsächlich brauchst. Das sind (meiner Ansicht nach): 

  • Abstraktes Denkvermögen
  • Kenntnisse in einer höheren Programmiersprache
  • Durchhaltevermögen
  • Körperliche Belastbarkeit. Ja, dieser Punkt ist ernst gemeint, denn 8 Stunden vor einem Rechner zu sitzen und ständig hochkonzentriert auf einen Bildschirm zu starren, ist nicht nur eine psychische, sondern auch eine physische Belastung!

Konkretes Fachwissen, das du für eine bestimmte Stelle brauchst, kannst du dir immer noch aneignen, wenn du über diese Skills verfügst. Ich persönlich konnte für meinen ersten Job nach dem Studium fast nichts an reinem Faktenwissen aus den Vorlesungen gebrauchen (höchstens versteckt an der ein oder anderen Stelle) und musste erstmal die SAP-eigene Programmiersprache ABAP lernen. ABAP basiert auf Cobol und das wiederum habe ich nur ein- bis zweimal einen Professor in einem Nebensatz erwähnen hören - beste Voraussetzung also für einen Job als SAP-Entwickler. Du siehst also, dass es nicht zwingend erforderlich ist, genau das zu machen, von dem man glaubt, dass das Studium einen darauf vorbereitet. Verlasse dich auf deine Fähigkeit zu denken und du wirst (wenn du dich engagierst) quasi jeden Job im IT-Umfeld meistern können – und viele andere, die mit deinem Bereich nur wenig zu tun haben.